Schreiben hilft uns bewusst zu werden

Wir denken 60.000 Gedanken am Tag. Die meisten davon fliegen unbewusst durch uns hindurch. Dasselbe gilt für unsere Gefühle. Oft verdrängen wir sie oder wir haben keinen Zugang zu ihnen. Dennoch wirken Gedanken und Gefühle in uns. Schreiben hilft uns dabei, uns selbst auf die Spur zu kommen. Wir werden uns beim Schreiben selbst bewusst und lernen uns dabei immer besser kennen.

 

Tagebuch schreiben – eine Reise in unsere innere Welt

Tagebuch zu schreiben hat eine lange Tradition und ist nicht nur Schriftsteller*innen vorbehalten.

Kurt Cobain (1967 – 1994), Michael Kardinal von Faulhaber 1911–1952, Simone de Beauvoir (1908 – 1986), Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832), Christopher Columbus (1451 -1506) und viele mehr, haben über ihr Leben geschrieben.

Auch heute noch schreiben viele Menschen Tagebuch und erschaffen damit ein Dokument ihres Lebens.

Eines der bekanntesten Tagebücher und Zeitdokumente ist wohl das Tagebuch der Anne Frank (1929 – 1945). Sie beschreibt darin wie sie die Schreckensherrschaft der Nazis erlebt. Anne träumte davon Schriftstellerin zu werden. Nach dem Krieg entschloss sich ihr Vater Otto Frank, nach reiflicher Überlegung, den Wunsch seiner toten Tochter zu erfüllen. Das Tagebuch der Anne Frank erschien 1947 in den Niederlanden.

Es gibt sogar einen Welttag des Tagebuchs. Er ist am 12. Juni und geht auf den Geburtstag von Anne Frank zurück. An ihrem 13. Geburtstag bekam sie von ihrem Vater ein Notizbuch geschenkt, in welches sie noch am selben Tag den ersten Eintrag schrieb.

Beim Tagebuch schreiben gibt es keine Regeln oder Vorgaben. Jeder schreibt was und wie er es will. Ob wir Ereignisse notieren oder unsere Gedanken und Gefühle oder beides mischen, hat mit unserer Sicht auf die Welt zu tun und dem was uns wichtig ist. Aber immer halten wir inne und betrachten unser Leben. Das schärft unsere Aufmerksamkeit und wir entwickeln eine tiefere Beziehung zu uns selbst.

 

Journaling schreiben – ein Booster für unsere Persönlichkeitsentwicklung

In den letzten Jahren hat sich der Begriff Journaling in Deutschland verbreitet. Er kann mit „Tagebuch schreiben“ übersetzt werden, wobei der korrekte englische Begriff eigentlich Diary ist. Ist Journaling also eine moderne Form des Tagebuch Schreibens?

Als Texterin bin ich immer an Schreibmethoden interessiert und habe mich daher eingehend mit dem Thema beschäftigt. Dabei ist mir ein wesentlicher Unterschied zum Tagebuch schreiben aufgefallen. Beim Journaling verfolgen wir ein konkretes Ziel. Das Ziel bestimmt dann, welche Methode wir anwenden, denn jede hat eine bestimmte Form und gewisse Vorgaben

Man könnte sagen, Journaling ist strukturierte Persönlichkeitsentwicklung. Einige Experten empfehlen es sogar als eine Art des Selbstcoaching. So könnten Menschen mehr Klarheit über sich und ihre Lebenssituation gewinnen, ihre Werte aufstellen und ihre Ziele definieren.

 

Ausgewählte Journaling Methoden

Es gibt viele unterschiedliche Journaling Methoden und Variationen. Bestimmt wirst du einige dieser Methoden schon kennen. Vielleicht wendest du sie sogar an, ohne zu wissen, dass du Journaling betreibst. Zumindest habe ich diese Erfahrung gemacht. Im Folgenden stelle ich dir fünf Methoden vor, die ich selbst anwende.

 

Zehn Minuten Mehtode – schreiben und Antworten finden

Bei dieser Methode stellst du dir Fragen. Das kann täglich sein oder in jedem beliebigen Rhythmus. Du kannst die Methode auch gut dafür anwenden, wenn dich eine Frage besonders beschäftigt.

Fragen helfen uns den Dingen auf den Grund zu gehen. Unser Geist kann gar nicht anders, als nach Antworten zu suchen. Beim Journaling können wir die Antworten direkt aus uns herausfließen lassen. Indem wir uns die richtigen Fragen stellen, kommen wir mit unseren unbewussten Anteilen in Kontakt und beleuchten sie. So entwickeln wir uns „automatisch“ weiter.

Aufgrund von Konditionierung und Gewohnheit formulieren viele Menschen ihre Gedanken negativ. Unserem Gehirn ist egal, was wir denken. Es versucht immer Antworten für unser Leben zu finden. Daher ist es natürlich nicht egal, welcher Art unsere Gedanken sind. Denn wir richten unseren Fokus danach aus und spüren die Auswirkungen in unserem Leben.

Um den erwünschten positiven Effekt beim Journaling zu erreichen, ist es notwendig unsere Fragen positiv zu formulieren.

Beispiel: „Warum liebt mich keiner?“ wird zu: „Warum bin ich liebenswert?“

Der Glaubenssatz: „Es hat doch eh alles keinen Sinn!“ wird zu: „Wie gebe ich meinem Leben einen Sinn?“

„Wie soll ich das alles bewältigen?“ wird zu: „Meine wichtigste Aufgabe heute ist…“

Denn Unterschied spüre ich schon beim Schreiben und bestimmt fühlst du ihn auch beim Lesen.

 

Am Anfang fällt es uns noch etwas schwer positive Formulierungen oder Fragen zu finden. Das Internet bietet reichlich Möglichkeiten an gute Fragen zu kommen. Ich arbeite mit dem Kartenset „Nutze die Kraft von Powerfragen“ von Sonja Ariel und Siranus Sven von Staden. Die Karten sind schön anzusehen und bieten inspirierende Fragen an. Wann immer ich möchte ziehe ich eine Karte und schreibe auf, was mir dazu einfällt.

 

Dankbarkeits-Journaling – bewusst Dankbarkeit üben

Das Dankbarkeits-Journaling ist eine besondere Methode. Ich finde, jeder Mensch sollte sich zumindest ab und zu in Dankbarkeit üben. In jedem Fall gehört Dankbarkeit zu einem bewussten Leben dazu und ist selbstverständlich ein wichtiger Aspekt einer spirituellen Praxis.

Wenn wir dankbar sind, schüttet unser Gehirn Glückshormone aus und das fördert unser Wohlbefinden. Zahlreiche wissenschaftliche Studien haben das bewiesen. Aber im Grunde braucht es gar keine Studie dazu. Wir können das überprüfen, indem wir einen Zustand von Dankbarkeit herstellen und so die Wirkung relativ schnell selbst erfahren.

 

Sobald wir an etwas Schönes denken und ein Gefühl von Dankbarkeit oder Wertschätzung dafür erzeugen, verändert sich etwas in uns. Wir werden weicher und manchmal beginnen wir sogar zu lächeln. Dank unserer Biochemie geht das gar nicht anders.

Manchmal denken wir, dass es gerade gar nichts gibt, für das wir dankbar sein könnten. Genau in solchen Situationen kann ein Dankbarkeits-Journaling uns dabei helfen, unsere Wahrnehmung zu weiten.

Oft wissen wir die Dinge in unserem Leben nicht mehr zu schätzen, weil wir vieles als selbstverständlich ansehen. Indem wir Danke sagen, machen wir uns diese Dinge wieder bewusst. Daher ist Dankbarkeit ein fester Bestandteil in meinem Leben und gehört zu meinem täglichen Morgenritual. Ich bedanke mich dafür, dass ich im Frieden lebe, ein Dach über dem Kopf habe, im Winter eine warme Heizung, Kleidung, zu essen und zu trinken…

An dieser Stelle ist mir ein Hinweis sehr wichtig. Auf keinen Fall geht es darum, dass wir uns glücklich denken und belastende Gefühle „wegschreiben“. Wir sollten allen Gefühlen, egal, ob wir sie mögen oder nicht, den Raum und die Zeit geben sie zu fühlen. Das ist ein Akt von Selbstliebe. Tun wir das nicht, schaden wir uns auf Dauer selbst.

 

Stream of consciousness – schreiben was bewusst wird

Stream of consciousness writing heißt übersetzt Bewusstseinsstrom schreiben. Das klingt wenig elegant. Gemeint ist eine sehr freie Form des Schreibens, in der wir alles aus uns herausfließen lassen, was in diesem Moment da ist: Gedanken, Ideen, Sorgen, Ängste und natürlich auch unsere Freude und Fantasie. Alles darf sich zeigen. Wichtig ist, es nicht zu bewerten.

Es geht dabei nicht darum Lösungen zu finden oder besonders schön zu formulieren. Es besteht absolut kein Leistungsdruck. Und wenn es stockt, dann schreibe: „Was soll ich schreiben?“, „Was soll ich schreiben?“… Wenn nichts anderes kommt, dann schreibst du den Satz immer wieder, bis die Zeit abgelaufen ist.

Deshalb ist es empfehlenswert einen Timer auf 5 bis 10 Minuten zu stellen.

Ist unser Kopf sehr voll und wir drehen uns eh schon im Gedankenkarusell, dann ist es sinnvoll auf den Timer zu verzichten und solange zu schreiben, bis nichts mehr kommt.

Für Menschen, die professionell schreiben ist stream of consciousness eine gute Technik um wieder in den Schreibfluss zu kommen.

 

Das Erfolgs­jour­nal

Es gehört wohl zum menschlichen Dasein dazu Ziele zu haben. Wir können es auch Wünsche nennen. Der Begriff spielt eigentlich keine Rolle, wobei wir mit dem Wort Ziel eher eine klare Fokussierung auf etwas verbinden.

Egal wie wir es nennen, oft scheitert es an der Umsetzung. Das Erfolgsjournal ist eine Methode, die dir dabei helfen kann dein Wunschziel zu erreichen. Indem du dein Ziel schriftlich festhältst und jeden Tag etwas dafür tust, gibst du deinem Bewusstsein den Auftrag und das Zeichen: „Ich meine es ernst!“.

Du kannst dir dazu ein schönes Notizbuch anschaffen oder einen Kalender. Ich halte viel davon es mit der Hand zu schreiben. Auf diesen Punkt gehe ich weiter unten in diesem Beitrag ein.

Sechs Elemente des Erfolgs-Journaling

  1. Ziel: Definiere dein Ziel und schreibe es auf!
  2. Was ist dein Warum? Um ein Ziel zu erreichen müssen wir aus uns selbst heraus, als intrinsisch, motiviert sein. Das sind wir aber nur, wenn auch unser Unterbewusstsein das Ziel „sinnvoll“ findet.
  3. Schritte festlegen: Brich dein Ziel in bewältigbare einzelne Schritte herunter und definiere sie. Wenn wir uns etwas vornehmen, dann kann uns das so groß erscheinen, dass wir davon überwältigt sind. Das ist ein Garant dafür, dass wir gar nicht erst los gehen. Aber auch Reinhold Mesner ist in Etappen auf den Mount Everest gestiegen. Es gab Zwischenlager. So konnte ein Schritt nach dem anderen bewältigt werden. Und jeder bewältigte Schritt motiviert dazu den nächsten zu gehen!
  4. Gewohnheitstracker: Um jeden Tag aufs Neue dabei zu bleiben, brauchst du eine gewisse Routine. Die musst du dir erarbeiten und Gewohnheiten daraus machen, die dir helfen dabei zu bleiben. Diese Gewohnheiten sind die Anker, die du in deinem Journal setzt.
  5. Selbstreflexion: Es ist wichtig, dass du immer wieder überprüfst, ob deine Routinen oder Gewohnheiten noch passen, oder ob es etwas zu optimieren gilt. Und natürlich überprüfst du ehrlich, was du erreicht hast.
  6. Selbst loben!!! Dieser Punkt wird viel zu oft vergessen. Lobe dich, wann immer du ein Lob brauchst.

Ein praktisches Beispiel aus meinem Leben:

  1. Ziel: Ich möchte eine tägliche Dankbarkeitsroutine einführen!
  2. Mein Warum: Dankbarkeit fühlt sich gut an und steigert mein Wohlbefinden!
  3. Schritte:
    Ich kaufe mir ein schönes Notizbuch und einen lila Stift
    Ich erstelle eine schriftliche Liste über alles wofür ich mich bedanken möchte. Das ist mein Spickzettel für den Anfang.
    Ich überlege mir Ort und Ablauf für mein Dankbarkeitsritual (Ich sitze auf der Yogamatte und atme, komme an und dann sage ich laut wofür ich dankbar bin).
    Ich lege einen Zeitpunkt fest und plane einen täglichen Termin in meinem Kalender ein. Zunächst für 30 Tage. (Da ich eine neue Gewohnheit in meinem Leben etablieren will, muss ich diese über einen längeren Zeitraum täglich durchführen. So entsteht im Gehirn ein neuer Weg.
  4. Gewohnheit: Da es mich motiviert, werde ich erledigt-Häkchen in meinem Terminkalender machen.
  5. Selbstreflexion: Ich überprüfe jede Woche, ob Zeitpunkt, Ort und Ablauf des Dankbarkeitsrituals noch stimmig sind. Wenn nicht passe ich es an.
  6. Ich lobe mich selbst!!! Und belohne mich nach 30 Tagen mit einem Buch, das ich schon lange lesen wollte.

 

Das Bullet Journal

Mit einem Bullet-Journal strukturierst du deine Aufgaben täglich, wöchentlich, monatlich und jährlich. Ganz nach deinen Bedürfnissen. Zusätzlich dient es als Terminplaner und Ideensammlung. So geht nichts verloren, denn das Bullet Journal begleitet dich jeden Tag.

Du kannst dir ein Notizbuch kaufen und selbst gestalten oder einen Kalender. Das hängt ganz von deinen Vorlieben ab. Du entscheidest, wie du dein Bullet Journal aufbauen möchtest, ob du Farben, Bilder, Sticker usw. verwenden möchtest, oder ob du es lieber schlicht magst.

Wer ein Erfolgsjournal führt, dem empfehle ich dieses mit dem Bullet Journal zu verbinden. So behältst du einen guten Überblick über alles.

Wer gerne plant, To-do-Listen schreibt und sich kreativ ausleben will, der wird sich mit dem Bullet Journal wohl fühlen.

 

Wie das Schreiben auf uns wirkt

Ob wir nun Tagebuch schreiben oder Journaling betreiben oder beides mischen, es macht einen Unterschied in unserem Leben.

 

Vielleicht denkst du jetzt, das ist aber anstrengend. Und wenn belastende Gedanken und Gefühle aufkommen, dann kann das auch ganz schön schmerzhaft sein.

Ja, manchmal ist es das auch. Ich habe erfahren, dass Schreiben mein Leben erleichtert. Es hilft mir dabei mich besser wahrzunehmen und bewusster zu leben. Und das ist mir diese Anstrengung wert.

Es gibt viele Effekte, die das Schreiben oder Journaling auf uns hat. Im Folgenden habe ich einige davon zusammengestellt.

 

  • Wir lernen unsere Gedanken und Gefühle besser wahrzunehmen ohne zu bewerten.
  • Nach dem Schreiben von Belastendem fühlen wir uns erleichtert.
  • Über die Herausforderungen in unserem Leben zu schreiben, ermöglicht es uns den tieferen Sinn des Erlebten zu erkennen und daraus zu lernen.
  • Wir bekommen Klarheit und können die Themen in unserem Leben aus einer anderen Perspektive wahrnehmen.
  • Unsere Notizen sind Erinnerungen die wir jederzeit nachlesen können.
  • Indem wir unsere Gedanken, Gefühle und Erfahrungen aufschreiben, erkennen wir unsere Entwicklung.
  • Wir lernen unsere wiederkehrenden Sorgen, Ängste und schwierigen Gefühle kennen und verstehen besser was in uns vor sich geht. So lernen wir uns selbst besser zu akzeptieren.
  • Indem wir unsere Leben gestalten (Ziele verfolgen, organisieren), erfahren wir mehr Selbstwirksamkeit. Das stärkt unser Selbstvertrauen.
  • Unsere Gefühle und Gedanken da sein zu lassen, ohne sie zu bewerten, fördert unsere Achtsamkeit.
  • Wir lernen Stress besser zu bewältigen und senken unser Stressniveau.
  • Unsere Kreativität wird angeregt.

 

Die große Frage: mit der Hand schreiben oder elektronisch

Spontan hätte ich gesagt, das ist eine reine Geschmacksfrage. Aber Neurologinnen und Neurologen haben herausgefunden, dass wir Inhalte besser erinnern und verstehen, wenn wir mit der Hand schreiben. Es werden mehr Bereiche im Gehirn stimuliert und Informationen besser vernetzt.

Für mich ist Schreiben auch eine ästhetische Angelegenheit. Ein schönes Notizbuch gibt dem Geschriebenen eine gewichtige Note und ein Füller liegt einfach ganz anders in der Hand als eine Tastatur😉

In unseren Tage- oder Notizbüchern dokumentieren wir unsere Lebensgeschichte. Das ist sehr persönlich und fühlt sich für mich näher an, wenn ich es selbst geschrieben habe. Ich erkenne mich in meiner Schrift wieder. Am Schwung der Buchstaben erkenne ich auch, wie ich mich in der Situation gefühlt habe.

Außerdem ist Handschriftliches weniger vergänglich als elektronische Daten. So eine Datei ist schnell gelöscht. Das wäre schade, denn dann können wir nicht mehr darin lesen und uns über unsere Weiterentwicklung und Erfolge freuen.

 

Fazit

Egal ob wir Tagebuch schreiben, Journaling machen oder eine Mischform aus beidem anwenden. Egal ob wir mit einem Stift oder mittels Tastatur unsere Texte anfertigen. Es ist im Grunde eine Geschmackssache. Wer das Schreiben für sich entdeckt, wird auch seine bevorzugte Art zu schreiben entdecken. Das Wesentliche ist, dass Schreiben uns dabei hilft in einen inneren Dialog mit uns zu gehen. Es öffnet uns für unsere unterbewussten Gedanken und Gefühle und unterstützt uns dabei uns besser kennen zu lernen. Damit legen wir die Grundlage dafür bewusster zu werden und damit auch unser Leben bewusster zu gestalten.

 

 

 

 

Schreiben Sie einen Kommentar