Trauma erkennen und die Menschheit heilen

Krieg hinterlässt Zerstörung und traumatisierte Menschen. Leid, dass an die nachfolgenden Generationen weitergegeben wird. Warum ist Trauma so mächtig? Wie können wir Trauma erkennen und wie trägt die Heilung des Einzelnen zur Heilung der Menschengemeinschaft bei?

 

 

Was ist Trauma

Trauma kommt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt Wunde.

Psycholog*innen sprechen von einem traumatischen Ereignis, wenn das Geschehen alltägliche Erfahrungen und Belastungen weit übersteigt und die*der Betroffene es weder bewältigen, noch verarbeiten kann. Damit ein Ereignis zum Trauma wird, muss es einen enormen Stress auslösen.

Ist ein Mensch einem derart intensiven Geschehen ausgeliefert, dann befindet er sich in einem Zustand von Hilflosigkeit, Ohnmacht und Todesangst. Das ist extremster Stress.

Menschen haben sehr unterschiedliche Fähigkeiten mit großem Stress umzugehen. Daher ist ein Trauma immer etwas Individuelles. Der eine Mensch erlebt eine Situation als einen Schrecken oder schwierig und für den anderen ist sie ein traumatisches Erlebnis.

Nach dem Vietnamkrieg erfolgten umfangreiche Studien und schließlich wurde 1980 die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) in den USA in das führende Diagnosemanual für psychische Krankheiten (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) aufgenommen. Für die Traumaforschung bedeutete das einen enormen Schub. Seit dem 1.1.2022 ist die komplex traumatische Belastungsstörung (K-PTBS) erstmals als ICD (International Statistical Classification of Diseases an Related Health Problems) aufgeführt.

 

Arten von Traumata

Die Fachwelt definiert zwei Kategorien von Traumata. Das Schocktrauma (Monotrauma) und das Komplextrauma (sequentielles Trauma). Zum Komplextrauma gehören Entwicklungstrauma und Kriegstrauma.

 

Schocktrauma – posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Ein Schocktrauma ist ein Ereignis, das plötzlich und einmalig auftritt. Das kann ein Verkehrsunfall, ein schwerer Verlust, eine schwere Erkrankung, ein Überfall oder eine Naturkatastrophe sein. Hier gibt es viele Möglichkeiten. Es kann auch das bezeugen einer Gewalttat oder Notlage sein.

Das Schocktrauma wird als Monotrauma bezeichnet, weil das Ereignis abgegrenzt ist. Es hat einen Anfang, einen Verlauf und ein Ende.

 

Komplextrauma – komplex traumatische Belastungsstörung (K-PTBS)

Ein Komplextrauma bezeichnet eine Traumatisierung, die durch andere Menschen ausgelöst wird und toxischen Stress erzeugt. Stress wird toxisch, wenn er nicht abgebaut werden kann, im System bleibt und über längere Zeit wirkt.

Ein Komplextrauma umfasst emotionale, körperliche und sexualisierte Gewalt auch durch Bindungspersonen, emotionale und körperliche Vernachlässigung, fehlender Schutz durch Eltern, frühe Bindungsverluste, andauerndes Mobbing und das Erleben von Krieg und Flucht.

 

Kriegs- und Fluchttrauma

In Deutschland leben wir seit dem Ende des 2. Weltkrieges 1945 im Frieden. Wer heute über 80 Jahre alt ist, trägt noch die Erinnerungen an den Schrecken in sich. Wir, die wir den Krieg nicht selbst erlebt haben, werden mit den Auswirkungen der Kriege auf dieser Welt konfrontiert. Menschen strömen nach Deutschland auf der Flucht vor dem Terror im eigenen Land. Sie bringen das Leid aus erlebten Massenvergewaltigungen, Genoziden und Entwurzlung mit. Krieg bringt Zerstörung und traumatisierte Menschen.

Erlebnisse durch Krieg und Flucht verändern Menschen gravierend auf allen Ebenen. Psychisch, physisch und mental.  Es betrifft die Zivilbevölkerung genauso wie die Soldaten. In der Regel sind das keine schnell vorübergehenden akuten Belastungen. Die Menschen leiden überwiegend an komplextraumatischen Belastungsstörungen (K-PTBS).

 

Entwicklungstrauma

Entwicklungstraumata entstehen früh im Leben, manchmal bereits während der Schwangerschaft. In den ersten Jahren seines Lebens ist ein Kind existentiell auf seine Bindungspersonen angewiesen. Es braucht Essen, Trinken, Trost, emotionale Zuwendung und Sicherheit. Davon hängt sein Überleben ab.

Erlebt ein Kind immer wieder Situationen, die es weder bewältigen noch verarbeiten kann, dann erfährt es großen Stress. Das Kind befindet sich in einen Zustand von „Daueralarm“. Das hat direkte Auswirkungen auf die Hirnentwicklung. In Folge kann das zu Problemen bei der emotionalen Selbstregulation und in Beziehung führen.

Frühe Erfahrungen von Verlust, Vernachlässigung und Misshandlung können ein Kind traumatisieren. In unserer Vorstellung handelt es sich dabei um extreme Situationen, denen Kinder ausgesetzt sind. Und leider gibt es diese Fälle viel zu oft. Aber was für einen Erwachsenen nicht schlimm ist, kann für ein Kind bereits dramatisch sein.

Denken wir an ein Baby. Es liegt in seinem Bettchen und weint. Keiner kommt. Es weint lauter. Es kommt immer noch niemand. Das Baby liegt alleine in seinem Bett, hat Angst und keiner kommt. Es kann sich nicht selbst beruhigen. Selbstregulation lernt ein Kind erst im Laufe der Jahre durch die Bindungspersonen.

So wird die Angst des Kindes zur Todesangst. Dann kommt jemand. Jetzt hängt es stark von der Reaktion der Person ab. Wird das Kind in den Arm genommen und liebevoll beruhigt, kann der Stress sich lösen, denn es erfährt Zuwendung und Sicherheit. Erfährt das Kind in dieser und vielen ähnlichen Situation keine Zuwendung, sondern wird vielleicht angebrüllt oder lieblos angefasst, dann bleibt der Stress im System und wird toxisch.

Ein Entwicklungstrauma entsteht, wenn ein Kind als Subjekt wahrgenommen wird. Wenn seine Bedürfnisse nicht erkannt und erfüllt werden. Dann fühlt sich das Kind hilflos, ohnmächtig und einsam. Es wurde in einer Situation, in der es seine Bindungsperson zutiefst gebraucht hätte, verlassen. So entstehen eine tiefe Wunde und großer Schmerz.

Im weiteren Verlauf können Bindungsstörungen, Trennungs- und Verlustängsten, Depressionen, Aggression gegen sich und andere und einem Mangel an Empathie auftreten. Das beeinträchtigt alle Bereiche des Lebens und kann auch für den Erwachsenen großes Leid bedeuten.

 

Traumatisierte leiden an den Folgen des Traumas

Traumatisierte Menschen leiden nicht an dem Trauma, sie leiden an den Folgen des Traumas. Die Folgen oder Symptome sind die eigentliche Herausforderung im Leben eines traumatisierten Menschen.

Die Folgen von Traum können sehr komplex sein. Je nachdem, was sich zeigt, werden Symptome auch mit psychischen „Krankheiten“ verwechselt. Die Folgen können sich aber auch sehr subtil zeigen. Es muss nicht immer die offensichtliche Katastrophe sein. Die Betroffenen leiden dennoch oft sehr darunter.

 

 

Folgen und Symptome

In der Symptomatik von posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) und komplex traumatischer Belastungsstörung (K-PTBS) gibt es Unterschiede. Die Symptome bzw. Folgen eines Komplextraumas sind weitreichender, als die eines Schocktraumas.

Mit der folgenden Aufzählung möchte ich einen Eindruck darüber vermitteln, wie weit das Spektrum, an Folgen und Symptomen, bei Trauma sein kann. Die Liste ist nicht abschließend, denn es wird weiter geforscht.

Folgen von K-PTBS:

  • Die Welt und die Menschen werden als gefährlich wahrgenommen
  • Beziehungen sind oft schwierig oder gar nicht möglich
  • Plötzliche Körperreaktionen
  • Autoimmunerkrankungen
  • Identitätsprobleme
  • Tiefsitzende Glaubenssätze wie: ich bin nichts wert, ich bin nicht liebenswert, ich bin nicht genug

Weitere Symptome, die bei KTBS und PTBS festzustellen sind:

  • Verdrängen des Erlebten
  • Ängste, Phobien, Panikattacken
  • Psychosomatische Symptome (wie z.B. chronische Verspannungen, Kopfschmerzen, Verdauungsbeschwerden)
  • Selbstschädigendes Verhalten
  • Schlafstörungen und Alpträume
  • Depressionen
  • Bindungsstörungen, Bindungsabbruch
  • Süchte und Zwänge
  • Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit
  • Unruhe, Nervosität, Schreckhaftigkeit
  • Konzentrationsschwäche
  • Emotionale Taubheit

 

Wie können wir Trauma heilen?

Wir brauchen ein Bewusstsein dafür, dass Symptome an denen Menschen leiden, die Folgen einer Traumatisierung sein können.

Oft erinnern Menschen das Erlebte nicht. Das Geschehen oder sogar eine ganze Kindheit verschwindet in einer schwarzen Leere. Die gute Nachricht ist, wir müssen uns nicht erinnern. Auch wenn unser Verstand sich das wünscht. Unser Körper erinnert alles. Er hat all unsere nicht gefühlten und verdrängten Gefühle als Energie in unseren Zellen gespeichert. Pure Überlebensenergie. Also kein Wunder, dass es Menschen große Angst macht, diese Energie zu fühlen.

Vier wesentliche Aspekte auf dem Weg der Heilung:

  • Es ist sehr wichtig, sich dem eigenen Körper zuzuwenden. Gut ist alles was Freude macht und hilft den Körper achtsam zu spüren und das Nervensystem zu beruhigen. Ich habe gute Erfahrungen mit Autogenem Training und Qi Gong gemacht.
  • Manchmal ist es notwendig, sich professionelle Hilfe zu suchen. Ich rate zu traumsensibler therapeutischer Unterstützung. Keiner muss diesen Weg alleine gehen. Bewahre dich vor Retraumatisierung.
  • Eine wohlwollende innere Haltung unterstützt den Prozess der Heilung. Sei dir bewusst, dass alles was sich zeigt, dir als Kind geholfen hat zu überleben. Alle Symptome, auch die sogenannten destruktiven Muster, wie Süchte und Panikattacken, sind Versuche deines Systems wieder in Balance zu kommen.
  • Trauma in Heilung zu bringen ist ein Weg, der viel Zeit und Geduld erfordert. Bitte mach dir das immer bewusst und bleibe dran. Es lohnt sich!

 

Transgenerationales Trauma

So individuell Trauma ist, so wenig ist es ein Thema, das nur den Einzelnen betrifft. Die Folgen der Traumatisierung eines jeden Menschen, haben Auswirkung auf die gesamte Menschheit. Krieg, Flucht, Genozid, Anschläge, Massenvergewaltigungen sind Ereignisse, die ganze Staaten traumatisieren.

Transgenerationales Trauma bedeutet, dass jede traumatisierte Generation die Folgen dieser Traumata an die nächsten Generationen weitergibt.

  • Wir haben unsere eigene Beziehungsfähigkeit und Empathie nicht ausreichend entwickelt und geben die Folgen an unsere Kinder weiter.
  • Eltern geben die Folgen ihrer eigenen Traumata über ihre Gene weiter, in denen die Stresserfahrungen gespeichert sind.
  • Wir agieren nicht aufgearbeitete Traumata, über unsere Symptome, unbewusst an unseren Mitmenschen aus.

 

Fazit

Traumatisierungen sind Wunden. Die Folgen sind großes Leid und Schmerz. Wir müssen uns diesen tiefen Wunden der Vergangenheit endlich zuwenden. Wir müssen sie anschauen und anerkennen. Das ist sehr schmerzhaft und braucht Zeit. Aber es ist der einzige Weg, den ich kenne, um Verletzungen nachhaltig zu heilen. Nur so kann Frieden entstehen, Innen wie Außen. Ich wünsche mir, dass niemals mehr ein zutiefst traumatisiertes verletztes Kind Krieg führen muss, weil es die Ohnmacht und Hilflosigkeit in sich selbst nicht ertragen kann.

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